Der „Ostfriesenkiller“ in der JVA Lingen

Der „Ostfriesenkiller“ in der JVA Lingen. PR-Foto
Der „Ostfriesenkiller“ in der JVA Lingen.
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Lingen (Ems). Er mordet oft und gerne und am liebsten lässt er Ostfriesen sterben: Der gebürtige Gelsenkirchener Klaus-Peter Wolf ist mit seinen Ostfriesenkrimis Dauergast in den Bestseller-Listen. 12 Bücher sind mittlerweile in der Ostfriesen-Reihe erschienen, über 5 Million wurden von ihnen verkauft. Nun besuchte der Bestseller-Autor die JVA Lingen, um besonders literaturinteressierten Insassen von der Schriftstellerei als auch aus seinem Leben zu berichten.

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Nahbar, freundlich, fast schon komplizenhaft – so zeigte sich Klaus-Peter Wolf am Sonntag in der JVA Lingen. Der Autor, der auch schon Lingen in seinen Romanen auftauchen ließ, kam für zwei Stunden, um den literaturinteressierten Insassen, die sich fleißig in der anstaltseigenen Bücherei bedienen, ein besonderes Erlebnis zu bieten. Anschließen erhielt Klaus-Peter Wolf noch eine Führung durch die JVA. Kerstin Appeldorn und Thorsten Lampe zeichneten sich für die Betreuung vor Ort verantwortlich – und gaben auch viele Infos. „Gut für meine Recherche-Zwecke“, merkt der Schriftsteller an. Ein Bestseller-Autor hautnah, das war schon was. Andächtig lauschten die elf Inhaftierten als auch die Bediensteten den Ausführungen von Klaus-Peter Wolf und stellten fleißig Fragen. Er berichtete vor allem auch von den beschwerlichen Anfängen seiner Karriere. Als Sohn eines alkoholabhängigen Vaters hatte der gebürtige Gelsenkirchener keine leichte Kindheit. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen in einer Arbeitersiedlung auf. Einer vom Volk. Nicht abgehoben. Bereits mit 14 wusste er, dass er Schriftsteller werden wollte – und fing an zu schreiben. Seine erste Kurzgeschichte wurde bundesweit 40 Mal veröffentlicht, „aber ich kassierte auch 160 Absagen“, lacht der sympathische Wahl-Ostfriese, der damals der jüngste deutsche Literat war. Ab diesem Zeitpunkt ging es steil bergauf. Er veröffentlichte als Jugendlicher regelmäßig Kurzgeschichten, später dann Bücher und schrieb Drehbücher für Krimiserien wie „Polizeiruf 110“ oder auch „Tatort“. Den mega Durchbruch allerdings, den bescherten ihm die Ostfriesen. Klaus-Peter Wolfs Erfolgsgeheimnis: Ein guter Beobachter sein. Und innovativ. Viele seiner Krimi-Figuren und Locations gibt es „in Echt“. Das gab es so noch nie in der Literatur, ein Novum in der Fiktion, das auch dafür sorgt, dass Wolfs begeisterte Leserschaft gleich in Massen nach Ostfriesland pilgert und auch die Figuren zu echten Stars avancierten. Ja, der Autor hat der Region tatsächlich ein neues Gesicht gegeben. Auch wenn dieses manchmal äußerst gruselig ist.

 

Alte Schule

Freundlich ist Klaus-Peter Wolf, ein echter Künstler, offen, aber doch in sich gekehrt. Seine unverkennbaren Markenzeichen: der eigenwillige, geflochtene, dünne Zopf auf der rechten Seite und der Bart. Bereitwillig und enthusiastisch erzählt der 64-Jährige von seinen Krimis, dass er sich niemals einen anderen Job hätte vorstellen können und dass er sehr glücklich ist, vom Schreiben gut leben zu können. Ebenso berichtet er von seiner Liebe zu Ostfriesland, das mittlerweile seine Heimat geworden ist. 2003 zog er zusammen mit seiner Frau Bettina Göschl nach Norden. „Ich hatte seit meinem ersten Besuch in Ostfriesland eine Sehnsucht nach diesem Ort. Hier kann ich frei atmen. Ich brauche keine Großstadt mehr“, so Wolf. Vor sich hat der Autor eine dicke Kladde liegen, die er den Insassen präsentiert. „So entsteht ein Buch bei mir.“ Eine Kladde? Handschriftlich? Ja, er sei ein Meister der alten Schule. Alles was er schreibt, mache er per Hand. Vom Tippen in den Computer halte er nichts. Ist er zufrieden, so liest er das ganze Werk in ein Diktiergerät. Abgetippt wird es dann von seiner Sekretärin, die ihm immerhin seit 30 Jahren zur Seite steht. „Ich finde, wenn man ein Buch laut liest, so merkt man, wo es noch etwas holpert.“ Dem stimmten die Häftlinge zu. Stets bildlich beschrieb der Autor Situationen aus seinem Leben, seine Ideen und Themen. Und natürlich nahm er sich viel Zeit, Autogramme zu schreiben und Fragen zu beantworten.

Schizophren

Etwa zehn Monate dauert es, bis Klaus-Peter Wolf ein Buch fertig hat. In dieser Zeit versinkt der Norder immer wieder in seinen eigenen geschaffenen Welten. Oder er kreiert neue. Ein bisschen wie Schizophrenie sei das dann. „Ich versetze mich in den Mörder, in die Kommissarin, ja, in jede meiner Figuren. Ich denke dann wie sie, handle wie sie, spreche anders… Für viele Leute, die mich in dieser Phase sehen oder hören, ist das etwas unheimlich“, lacht Wolf. „Man muss die Figuren spüren. Sonst kann man keine guten Figuren zeichnen und auch keinen guten Krimi schreiben.“ Pragmatisch ist Wolf und geradeaus. Neben Krimis oder Romanen schreibt er auch Kinder- und Jugendbücher. Seine Werke wurden in vierundzwanzig Sprachen übersetzt und mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Erfolge kennt er zur Genüge. Emotionen allerdings, die kann man nicht steuern. Eine JVA besuchte Klaus-Peter Wolf schon öfter, „dennoch ist es stets ein komisches Gefühl, wenn ich Handy, Ausweis usw. abgeben muss, sich die Stahltüren hinter mir schließen und die Stacheldraht bewehrten Mauern unüberwindbar werden. Situationen, die niemals zur Routine werden. Ich hatte durchaus bewegende Begegnungen mit einigen Insassen. Für die Bibliothek habe ich ein paar neue signierte Ostfriesenkrimis und Hörbücher da gelassen. Ich werde jetzt sehr nachdenklich nach Hause fahren“, so ein sichtlich bewegter Klaus-Peter Wolf nach dem Besuch. Und auch er wird die Insassen bewegt und dankbar zurückgelassen haben.