Andacht

Foto: Peter Eisele

Von Peter Eisele

Als Jesus mit seinen Jüngern unterwegs ist, sehen sie einen Mann, der von Geburt an blind ist (Johannesevangelium, Kapitel 9, Vers 1 und Folge). In der Zeit Jesu blind zu sein, sich sein Brot nicht selbst verdienen zu können, führte dazu, dass ein solcher Mensch betteln gehen musste. Wenn er, meist an den Eingängen einer Stadt saß, war er auf die Mildtätigkeit der Gemeinschaft angewiesen. Und weil es auch zur damaligen Zeit schon Schlitzohren gab, glaubten die meisten, die an ihm vorübergingen nicht, dass er wirklich blind war. Er war wahrscheinlich zu faul, um zu arbeiten, so dachten viele.

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Die Jünger fragen Jesus, wer denn gesündigt hat, dass dieser Mann so sehr vom Schicksal geschlagen ist und von Geburt an blind ist. Er oder gar seine Eltern. Zu damaliger Zeit glaubte man, dass jemand, der vom Schicksal heimgesucht worden ist, in der Vergangenheit gesündigt haben muss.

Jesus antwortet, weder der Blinde selbst hat gesündigt, noch dessen Eltern. Jesus wird aktiv. Er macht einen Teig aus Speichel und Erde, streicht das dem Blinden auf die Augen und lässt ihn sich im Teich Schiloach, einer Hauptwasserquelle für Jerusalem, waschen. – Der von Geburt an blinde Mann kann wieder sehen.

Diese Geschichte mutet uns heutige Menschen seltsam an. Es fällt uns schwer, sich in die Geschichte und in den blinden Mann hineinzuversetzen. Wer heute blindgeboren ist, dem wird geholfen, der braucht nicht betteln zu gehen. Dafür gibt es Hilfsmittel, Vereine, den Staat und vieles mehr. Ihm wird geholfen. Und dann dieser Speichel und die Erde – igitt, igitt. Das ist doch eklig.
Was also soll diese Bibelstelle für uns Menschen heute?

Bedenken Sie: Sind wir nicht auch manchmal blind, obwohl wir sehen können? Haben wir nicht manchmal auch Scheuklappen wie manche Pferde, damit diese und wir nur geradeaus sehen können? Der blinde Mann in der Bibel möchte gerne das sehen, was er noch nie sah. Möchten wir das nicht auch manchmal gerne? Möchten wir nicht manchmal einem Menschen begegnen, der uns wahrnimmt, der uns versteht, dem unser Schicksal nicht egal ist? Erleben wir nicht auch Ablehnung wie der Blinde? Möchten wir nicht auch manchmal von einer Last befreit werden? Möchten wir nicht auch manchmal in aller Dunkelheit, die wir durchleben, Licht am Ende des Tunnels sehen?

Der Evangelist Johannes spielt sehr viel mit „Zeichen-Geschichten“. Sie entfalten hohe Theologie um das Thema: „Jesus ist das Licht der Welt“. Jesus kann den Menschen die Augen öffnen, muss sich aber auch mit dem Unglauben auseinandersetzen, wie die Fortsetzung der Geschichte zeigt.

Vielleicht geht es auch vielen Menschen heute so, dass wenn sie sich outen, sie würden in der Bibel lesen, belächelt werden. Wenn sich Menschen mit den Texten der Bibel auseinandersetzen, für lebensfremd gehalten werden – für blind gehalten werden, sich rechtfertigen müssen.

Da braucht es jemanden, der mich ganz persönlich hält, mich bestärkt, sich ganz für mich persönlich einsetzt. Das macht Jesus in dieser Geschichte. Er ist ganz nah an mir – fast schon intim.
Ich wünsche Ihnen einen solchen Menschen, der Sie bestärkt, Sie begleitet, wenn es Ihnen schlecht geht, Ihnen zuhört, anstatt selbst zu reden. Der Ihnen die Augen öffnet für das Leben und die Farben des Lebens.