100 Schafe

100 Schafe. Foto: Peter Eisele

Das muß man sich mal richtig vorstellen: Da hat ein Schäfer 100 Schafe! Welch ein Reichtum für den Besitzer. Reichtum und Alterssicherung zugleich. Viel Mühe und Zeit, viel Einsatz hat es gekostet, bis der Eigentümer eine solche Herde sein Eigen nennen kann. Täglich hütet er diesen Reichtum gegen die Wölfe und gegen Diebstahl. Und wenn eines davon verloren geht? Das ist 1 %, ein Hundertstel. Das kann man doch verkraften, oder? Könnte man denken.

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In der Bibel steht jedoch eine andere Variante. Im Lukasevangelium (Kapitel 15, Vers 3 – 7) können wir lesen, dass der Hirte (der Schäfer) seine Herde im Stich lässt, um gerade dieses eine, das jetzt nicht mehr in seiner Herde ist, zu suchen. Das ist doch unglaublich weil total unökonomisch, unwirtschaftlich.

Ja, für uns heute ist so ein Verhalten unwirtschaftlich. Zwar sollte der Spruch noch gelten, wer den Pfennig (Cent) nicht ehrt, ist des Talers (Euro) nicht wert. Aber wegen einem Schaf 99 in der Wildnis zurücklassen.  Was bei uns zählt, ist die Menge, der konkrete materielle Wert. Ein Prozent Verlust ist doch allemal einkalkuliert. Da wäre es doch Dummheit, soviel Aufmerksamkeit und Energie für eine solche Minderung zu verschwenden. Das lohnt sich doch nicht! Unsere menschliche Erfahrung ist: Alles hat seinen Preis und was nichts kostet, ist nichts. Oder: nicht kleckern, sondern klotzen. Erfahrungen, die wir so machen, wenn es etwa darum geht, welches Auto lege ich mir zu, wie muß das Haus aussehen, das ich bauen will und all die Besitztümer, an die ich so mein Herz hänge. Ja wir leben auf großem Fuß. Wenn also ein pfiffiger Unternehmer eine Großbank um Millionen betrügt, sind das sogenannte Penauts (Erdnußkerne) für die Bank. Oder: wenn eine Regierung sich um jeden kümmern würde, das wäre doch undenkbar. Eine Regierung muß doch in anderen Dimensionen denken.

Dennoch: die Botschaft in dem Gleichnis ist klar, denn der Hirte ist ja keine abstrakte Figur, der Hirte ist Gott. Und Gott macht sich so klein, daß er Mensch wird. Konkret Jesus Christus. Er sucht das Verlorene, läuft jeder und jedem hinterher, wendet sich denen zu, die weg sind. Immer und immer wieder ist die Botschaft klar: Jesus sucht nicht die Frommen, er sucht die, die außen stehen, die an den Rand gedrängt, die verloren gegangen sind. Und er freut sich über jeden Einzelnen, den er wiederfindet. Drei Grunderfahrungen also, die uns Jesus in seinem Gleichnis vermitteln will: Das Verlorensein, das Wiederfinden und die Freude darüber.

So findet Gott immer wieder Menschen, auch die, die Fehler machen, die Umwege machen, wie den Paulus, der immer wieder darüber staunt und es nicht fassen kann. Oder den Petrus, von dem wir wissen, dass er im entscheidenden Augenblick versagt hat.

Das macht mich froh und es macht mir Mut. All das sollte uns froh machen. Was haben wir der unendlichen Fürsorge Gottes schon entgegenzusetzen?  Und dennoch schenkt er uns Menschen, die uns begleiten, die uns trösten, die uns lieben, mit uns leiden, mit uns fröhlich sind, sich um uns kümmern. Die Sehnsucht Gottes und die Suche Gottes nach den Menschen ist eben nicht einzudämmen.

Gestern fand er Paulus und Petrus, morgen vielleicht dich. Wer weiß?